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Holm Hümmler, ex RT 18


Der Entschluss war schnell gefasst: Als wir vor einem Dreivierteljahr nach einer anstrengenden Woche in Odessa am Strand saßen, uns langsam klar wurde, wie erschöpft wir waren und wir auf die Versorgung von mehr als 400 Kindern mit Hörgeräten zurück und auf das Meer hinaus blickten, war schnell klar: Wenn es irgendwie geht, sind wir zur nächsten Versorgungsreise wieder dabei. Damals ahnten wir noch nicht, dass wir damit bis Februar würden warten müssen.

Irgendwann stand der Termin, und mit der sich allmählich steigernden Spannung und Vorfreude kamen bei mir auch die Zweifel wieder, was ich denn Nützliches zu der Reise beitragen kann. Schließlich bin ich weder brauchbarer Dolmetscher, noch Akustiker oder Arzt, sondern bei diesem Projekt eigentlich nur als Helfer und Anhängsel von Regina dabei. Immerhin, in Odessa hatte ich ja immer etwas zu tun gehabt, und zwei Wochen vor meiner letzten Mitgliederversammlung war klar, ich würde alles tun, damit diese Reise der krönende Abschluss meiner Tablerzeit wird.

Der Abreisetag fing dann gleich mit den nächsten Verzögerungen an – wegen Schneesturm in Amsterdam fiel unser Hinflug aus, und es ging ein paar Stunden später per Direktflug nach Kiew. Die Unterkunft im „Lager Lider“ versprach die nächsten Abenteuer: verschneites Gelände, imposante Eiszapfen am Dach, Zimmer, die noch den Charme des früheren sowjetischen Ferienlagers atmeten, eine altersschwache Heizung, der mit nicht minder kurios aussehenden tragbaren Heizlüftern auf die Sprünge geholfen wurde. Dafür gab es gute Arbeitsmöglichkeiten, Kinderbetreuung für die wartenden Klassen und eine kultige russische Sauna, in der wir immerhin zweimal dazu kamen, uns gut 120 Grad von den frostigen Außentemperaturen abzusetzen.

Ein Teil des Teams hatte schon einen hektischen Versorgungstag in Odessa und eine Fahrt im Nachtzug hinter sich und erhoffte sich von mir etwas ruhigere und geordnetere Abläufe in den Warteschlangen, aber am ersten Tag kämpfte ich doch eher vergebens gegen das Chaos auf den Fluren. Am zweiten Tag hatten sich die Abläufe zwischen uns und den unermüdlichen Betreuerinnen aber soweit eingespielt, dass die Kinder pünktlich dort ankamen, wo sie schnell und mit geringstmöglichem Stress versorgt werden konnten. So hatte ich auch erst dann die Ruhe, die magischen Momente mitzuerleben, wenn ein Kind zum ersten Mal auf die Geräusche aus seinem frisch eingeschalteten Gerät reagiert.

Die Reaktionen sind durchaus unterschiedlich. Manche Größeren kennen Hörgeräte aus der Schule oder sind bereits (aus Kostengründen dann oft nur auf einem Ohr) einmal versorgt worden, geben gekonnt Zeichen zur Justierung der Lautstärke und sind vor allem stolz, zwei ganz eigene Geräte mit nach Hause nehmen zu dürfen. Andere sind eingeschüchtert und frustriert von der überzogenen Erwartungshaltung ihrer Eltern, Eltern, die am liebsten gleich ein ausgedehntes Gespräch führen wollen mit einem Sprössling, der noch damit kämpft, aus den ungewohnten Wahrnehmungen in seinem Kopf einen Sinn zu machen und sich vielleicht irgendwann später auch einmal ohne Gebärdensprache artikulieren zu können. Einige wenige sind bereits gut versorgt und werden unsere Geräte wohl nur als Reserve nutzen, die ihre Eltern vielleicht auch selbst bezahlen könnten. Manche Eltern sind auch einfach für eine zweite Meinung unserer Fachleute dankbar, wenn kommerzielle Versorgungszentren vor Ort halbjährlich versuchen, ihnen ihre mageren Ersparnisse für immer neue Hörgeräte aus der Tasche zu ziehen. Fast alle, die schon mehr oder weniger brauchbare Geräte haben, brauchen zumindest neue Ohrstücke. Ein Mädchen im Teenageralter schielt mit traurigen Augen auf das dezent-zierliche Gerät ihrer Klassenkameradin, weil ihr selbst nur mit einem der etwas größeren Hochleistungsgeräte zu helfen war. Andere haben nach negativen Hörtests nie eine Chance bekommen und geben Lehrern, die sie längst aufgegeben hatten, mit Tränen in den Augen und schrillen Lauten Zeichen, dass sie tatsächlich etwas hören. Wieder andere sind erst einmal glücklich, dass sich überhaupt jemand um sie bemüht.

Auch dieses Mal gibt es Kinder, für die wir nichts tun können, bei denen selbst das stärkste einem Menschen zumutbare Hörgerät mit dem Schalldruck eines Presslufthammers direkt neben dem Kopf zu keiner verwertbaren Wahrnehmung führt. Die Kinder verkraften diese Enttäuschung oft besser als unsere Akustiker, die sie in der kurzen Zeit ins Herz geschlossen haben. Immer wieder justieren Heike und Claudia (später, wenn die letzten Ohrstücke gefräst sind, auch die anderen) die Geräte nach, sprechen die Kinder an, klatschen, klappern mit einem Spielzeug, schauen mit den Tränen kämpfend immer wieder auf uns Helfer, die ihnen wieder nur sagen können, dass auch diese Reaktion des Kindes wohl nur durch einen Blick aus dem Augenwinkel oder durch unsere eigene erkennbare Erwartungshaltung ausgelöst war. Jan, unser coolster Doc der Welt, kann die Enttäuschungen besser verarbeiten – als Arzt dürfte er an die Grenzen des eigenen Handelns gewöhnt sein. Auch ich komme mit den Rückschlägen halbwegs klar. Viel zu sehr ist für mich noch jedes einzelne Kind, dem wir auf seinem Weg ins Leben überhaupt ein Stückchen weiterhelfen können, ob es irgendwann normal sprechen lernen wird oder einfach nur Gefahren besser erkennt, ein kleines Wunder.

Und dann sind da immer wieder die nicht ganz so kleinen Wunder: Kinder, die sich mit großen Augen und offenem Mund umdrehen, sobald das erste Hörgerät eingeschaltet ist und hinter ihnen ein Geräusch gemacht wird, die mit sich überschlagendem Stimmchen das „Babababa“ imitieren, das ihnen ein verborgener Mund vorspricht, die erste Worte nachplappern, vielleicht auch schon die Frage „Wie heißt Du?“ beantworten.

Und wie in Odessa sitzen wir am Ende einer anstrengenden Woche völlig erschöpft aber glücklich zusammen. Nur anstelle der Vorfreude steht, für mich noch mehr als für alle anderen, die bange Frage: „Soll das wirklich schon alles gewesen sein?“